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04.05.2016

Europäischer Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung am 5. Mai

Martin Reidinger in einem seiner Peerberatungsgespräche unter der Devise bestärken, vermitteln, begl

Seit 1992 wird mit dem Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung am 5. Mai darauf aufmerksam gemacht, dass diese nach wie vor oft im alltäglichen Leben mit Benachteiligungen konfrontiert sind. Im Diakoniewerk gibt es verschiedene Ansätze, um dem Ziel der Gleichstellung von Menschen mit Behinderung mit ihren nichtbehinderten Mitmenschen näher zu kommen.

GALLNEUKIRCHEN. Eine wichtige Funktion, Menschen mit Behinderung auf dem Weg zur Gleichstellung zu unterstützen, kommt Peerberaterinnen und -beratern zu, die selbst eine Behinderung haben und dadurch auf ähnliche Erfahrungen zurückgreifend Menschen mit Behinderung begleiten können. Die Beratung umfasst sämtliche Lebensbereiche, vom Wohn- und Arbeitsbereich, über die Freizeit, bis hin zu Therapien, Behördengängen uvm. Seit Dezember 2015 ist Martin Reidinger als Peerberater im Diakoniewerk Oberösterreich angestellt. Er begleitet Menschen dabei, ihre eigenen Ressourcen wieder zu entdecken und diese so einzusetzen, dass sie bereit sind auch neue Wege zu gehen, abseits der beliebten, vertrauten „Heimat“, wie er es nennt. „Es geht um Empowerment, um Selbstermächtigung. Ich helfe, Ressourcen hervorzulocken, Vertrauen zu finden und verstehe mich auch als Mutmacher und Ankerpunkt“, beschreibt Reidinger seine Rolle. Vom Erstgespräch über Befindlichkeiten bis hin zum Formulieren von Prioritäten, die der einzelne für sich selbstbestimmt wählt, Martin Reidinger trifft seine Klientinnen und Klienten auf Augenhöhe, aus der eigenen Betroffenheit heraus aber vor allem auch gekonnt als ausgebildeter Peerberater mit Sozialberatungs-Background. Der Anspruch auf Peerberatung ist im OÖ. Chancengleichheitsgesetz, das Berufsbild seit 2009 im oö. Sozialberufegesetz, verankert.

Teilhabe durch Interessenvertreter
Eine ganz ähnliche Rolle haben gewählte Interessenvertreterinnen und -vertreter mit Behinderung, die ihre Mitbewohner bzw. Arbeitskollegen in deren Anliegen und Problemen vertreten. „Ich bin wie ein Betriebsrat“, beschreibt Andreas Auer, Interessenvertreter in der Werkstätte Kirchbichl des Diakoniewerks in Tirol, kurz und treffend seine Aufgabe. Seine Arbeitskollegen schätzen ihn sehr, weil er ein sehr guter Zuhörer ist und alle Anliegen ernst nimmt. Regelmäßige Besprechungen mit der Leitung und mit den Arbeitskollegen, Organisation von Ausflügen und anderen Aktivitäten sowie regelmäßige schriftliche Informationen gehören zu seinen Aufgaben. Texte werden in leichter Sprache und mit bekannten Symbolen aus der Unterstützten Kommunikation verfasst, um auch Menschen mit schwerer kognitiver Behinderung die Inhalte nahe zu bringen. Im Diakoniewerk ist es seit Jahren selbstverständlich, dass Interessenvertreter bei Fachtagungen und Arbeitskreisen zu wichtigen Themen (z.B. Sexualität, Gewalt, Unterstützte Kommunikation u.a.), die Menschen mit Behinderung betreffen, teilnehmen, mitdiskutieren und ihre Sichtweisen als Betroffene einbringen.

Auf individuelle Bedürfnisse eingehen
Unterstützt werden die Interessenvertreter bei Bedarf durch assistierende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Diakoniewerk. Eine besonders wichtige Rolle haben diese, wenn es darum geht, die Bedürfnisse von Menschen mit schwerer Behinderung, die sich nicht durch Lautsprache oder Unterstützte Kommunikation verständlich machen können, zu vertreten.
Aber auch Menschen mit einem hohen Grad an kognitiven Fähigkeiten und Selbständigkeit, die im Diakoniewerk wohnen und/oder arbeiten, profitieren von der Unterstützung durch begleitende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die einerseits aus dem Diakoniewerk, aber auch von außerhalb kommen können. Mit verschiedenen Wohnformen und integrativen Beschäftigungsmodellen in unterschiedlichen Arbeitsbereichen versucht das Diakoniewerk, auf die individuellen Bedürfnisse dieser Personengruppe bestmöglich einzugehen und ihnen den Weg zur Gleichstellung zu ebnen.

Eigenständiges Leben
Anita A. hat es geschafft: Vor zwei Jahren ist sie von einer teilbetreuten Wohngemeinschaft des Diakoniewerk in eine eigene kleine Wohnung in Linz umgezogen. Damit ist ihr größter Wunsch nach mehr Eigenständigkeit in Erfüllung gegangen, und sie hat diesen Schritt auch nie bereut. Alleine zu wohnen bedeutet mehr Unabhängigkeit, aber auch mehr Verantwortung zu übernehmen und sich um vieles selbst kümmern zu müssen, zum Beispiel um den Haushalt, den sie großteils allein erledigt. „Ich hab‘ einen Plan, da hakerl‘ ich ab, was ich schon gemacht habe. Unter der Woche. Am Wochenende ruh‘ ich mich aus“, erklärt Frau A.

In der teilbetreuten Wohngemeinschaft, wo sie mehrere Jahre gelebt hat, wurde sie durch die Mitarbeiter des Diakoniewerks an ein eigenständigeres Leben herangeführt. In ihrer neuen Selbständigkeit kann sie fallweise auf eine Assistenz zurückgreifen, die sie im Alltag – Wohnen, Arbeit, Freizeit –  unterstützt, wenn es notwendig ist. Frau A. hat ihren Arbeitsplatz im Rahmen eines integrativen Beschäftigungsprojekts in einer Großküche. Mit anderen Mitarbeitenden auf Augenhöhe arbeiten zu können, immer unter Menschen zu sein, erfüllt sie, aber sie freut sich auch immer wieder auf ihr Zuhause.

Vielfalt der Arbeit
Arbeiten in einem „normalen“ Betrieb – der Traum vieler Menschen mit Behinderung. Die Einsatzbereiche Integrativer Beschäftigung im Diakoniewerk in Oberösterreich oder Tirol sind vielfältig (Lebensmittel-, Bau- und Pflanzenmärkte, Großküchen, Kulturbereich, etc.). Dazu kommen stundenweise Beschäftigungsmodelle in solchen Betrieben oder die Beschäftigung in öffentlichen Betrieben des Diakoniewerks (Kulinarien in Linz, Salzburg, Kitzbühel, Gärtnerei in Gallneukirchen, Café-Bistros in Gallneukirchen und Mauthausen), die ein Mehr an gesellschaftlicher Teilhabe und Erleben eines normalen Arbeitsalltags bieten. Im Stützpunkt Integrative Beschäftigung in der Tiroler Gemeinde Hopfgarten werden die Kandidatinnen und Kandidaten für Integrative Beschäftigungsmodelle auf ihre neue Aufgabe intensiv vorbereitet, in Salzburg wird sogar eine eigene Teilqualifizierungslehre im Kulinarium des Diakoniewerks für diejenigen geboten, die in die Gastronomie gehen wollen.

Unterstützung muss auch aus dem Lebensumfeld kommen
Ganz gleich, welche Behinderung besteht, die professionelle Begleitung durch eine Organisation wie das Diakoniewerk allein kann die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung nicht verwirklichen. Ganz wichtig ist die Unterstützung durch das räumliche und soziale Umfeld, z.B. dass Menschen mit Behinderung ganz selbstverständlich im Sportverein aktiv werden oder einen Volkshochschulkurs besuchen können. Oder dass sie beim Einkaufen im Supermarkt auf verständnisvolle Verkäuferinnen treffen, die sie gegebenenfalls unterstützen, oder dass Nachbarn als Freiwillige bei Hausarbeiten, Arztbesuchen oder Behördengängen zur Seite stehen – Stichwort lebendige Nachbarschaft. Und natürlich braucht es für Gleichstellung auch die nötigen finanziellen Mittel, den langen Wartelisten für eine Beschäftigungs- und Wohnmöglichkeit und anderer begleitender Angebote entgegenwirken.

Bilder:
Bildtext1: Martin Reidinger in einem seiner Peerberatungsgespräche unter der Devise bestärken, vermitteln, begleiten unter dem Motto Empowerment.
Bildtext2: Übergabe des Schlüssels für die neue Wohnung: Für Frau A. ist dies zugleich der Schlüssel zu mehr Unabhängigkeit und einer neue Lebensqualität.
Bildtext3: Interessensvertreter Andreas Auer mit Alexandra Maria M. im Gespräch

Bilder: Diakoniewerk /Abdruck honorarfrei

Rückfragen:
Mag. MBA Daniela Scharer
Kommunikation & PR
Diakoniewerk (Zentrale)
Telefon 07235 63 251 128
Mobil 0664 220 16 25
d.scharer@diakoniewerk.at
www.diakoniewerk.at/presse


Martin Reidinger in einem seiner Peerberatungsgespräche unter der Devise bestärken, vermitteln, begl Übergabe des Schlüssels für die neue Wohnung: Für Frau A. ist dies zugleich der Schlüssel zu mehr Un Interessensvertreter Andreas Auer mit Alexandra Maria M. im Gespräch